15.11.2019

„…aber die können doch selbst fliegen?!“

Der Taubenfallschirm sowie sein Tansportbehältnis. Foto: Schulte/LWL.

„…aber die können doch selbst fliegen?!“

Der Taubenfallschirm aus Magazin II

Kathrin Schulte

Der Taubenfallschirm verdankt seine Wiederentdeckung unserer Studentischen Volontärin Dorothee Jahnke: Aufbewahrt in einem eher unscheinbaren Pappzylinder lag er lange Jahre  in einem der Schränke in Magazin II, ohne weitere Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

Wir hatten einige Fragen an das anfangs etwas rätselhafte Objekt: Die Tauben können doch selbst fliegen, wieso sollten sie einen Fallschirm benötigen? Wie ist der Schirm zu uns gekommen? Von wo kommt er? Kann er datiert werden? Also begaben wir uns auf die Spurensuche: Auf dem Pappzylinder befindet sich ein in Teilen abgerissenes Etikett, auf dem noch „Bestellung v. 21.4.80“ und „4400 Münster“ zu lesen ist. Obwohl nicht sicher ist, dass der Behälter gemeinsam mit dem Fallschirm zu uns gekommen ist oder ob er erst im Nachhinein zur Aufbewahrung genutzt wurde, schlossen wir direkt auf eine Verbindung zu der Ausstellung „Leben mit Brieftauben“ aus dem Jahr 1984, an der die Volkskundliche Kommission maßgeblich beteiligt war.

Unsere Findbücher gaben uns zwar Auskunft über die Maße und Materialien, nicht aber über die Herkunft des Fallschirms. Nach einiger Recherche zu der Ausstellung aus dem Jahr 1984 stießen wir in den Unterlagen zum Aufbau der Ausstellung endlich auf einen Informationstext, der uns weiterhalf: „Englischer Fallschirm für Brieftauben – Dieser englische Fallschirm trug in seiner Abwurftrommel zwei Brieftauben. Er wurde im 2. Weltkrieg auf belgischem Gebiet hinter der deutschen Verteidigungslinie am Atlantik abgeworfen.“  

Brieftaube mit Depeschenhülse und Rückensäckchen: Brieftauben wurden im Kriegsgeschehen zum Überbringen von Nachrichten eingesetzt. Fotograf unbekannt, Datierung ca. 1914 - 1918, LWL-Archiv für Alltagskultur.

Doch wie genau wurden die Brieftaubenfallschirme eingesetzt? Eine Literaturrecherche ergab, dass die Tauben in eine Abwurftrommel gesetzt und aus einem Flugzeug über „Feindesland“ abgeworfen wurden. Dort wurden sie dann im Idealfall gefunden und mit geheimen Informationen, also zum Beispiel Angaben über feindliche Stellungen, versehen und zurückgeschickt. Diese Kriegseinsätze waren für die Tauben nicht ungefährlich. Die britischen Alliierten schickten beispielsweise 17.000 Tauben in den Kriegseinsatz, von denen es lediglich zehn Prozent zurück nach England schafften. Insgesamt konnten aber immerhin 1000 Nachrichten übermittelt werden.

Nicht nur Tauben wurden im Krieg eingesetzt, sondern auch Hunde. Hier ein Hund mit einem "Meldesattel", der zum Transport von Tauben genutzt wurde. Das "B" am Ärmel des Soldaten weist auf seine Tätigkeit als Brieftaubenmeister hin. Foto: 1938 - 1948, Fotograf unbekannt, LWL-Archiv für Alltagskultur.

Tauben im Militäreinsatz waren keine Seltenheit: So entließ die Schweiz im Jahr 1996 ihre letzten Brieftauben, bezeichnet als "selbstreproduzierende Kleinflugkörper", aus dem Militärdienst. Auch im Deutschen Reich versuchte man Tauben militärisch zu nutzen und verpflichtete Taubenzüchtervereine, Tauben für den eventuellen Kriegsfall zur Verfügung zu stellen. Der Vorschlag stieß von Seiten der Taubenzüchtervereine auf wenig Gegenliebe. Dennoch: Es gab Versuche, wie lange die Tauben „stationiert“ werden konnten und noch ihren Weg zurück „nach Hause“ fanden.

Hauptsächlich wurden Brieftauben zur Übermittlung von Nachrichten eingesetzt, oft mit so großem Erfolg, dass sogar einige Tiere militärisch ausgezeichnet wurden: Die Taube Cher Ami (†1919) wurde von der US-Armee im Ersten Weltkrieg in Frankreich eingesetzt und rettete durch das Überbringen einer Nachricht 194 Soldaten. Ebenso die G.I. Joe (* 24. März 1943 in Algier; † 3. Juni 1961 in Detroit), auch eine von der US-Armee eingesetzte Taube, der über 100 gerettete Personen zugeschrieben werden.

Tauben wurden auch zur Spionagezwecken eingesetzt, indem sie mit Kameras ausgestattet wurden, um Luftbilder von überflogenen Gebieten zu machen. Bild: 1909, Illustrator/in unbekannt, LWL-Archiv für Alltagskultur.

Eine andere Form des Kriegseinsatzes von Tauben bestand darin, sie mit kleinen Fotoapparaten auszustatten, die automatisch in bestimmten Abständen fotografierten und so unauffällig Luftbilder erstellten. Für wie wichtig die Brieftauben im Krieg genommen wurden, lässt sich auch daran ablesen, dass es in Deutschland im Zweiten Weltkrieg in der Wehrmacht sogenannte „Brieftaubenmeister“ gab, die durch ein „B“ an der Uniform gekennzeichnet und für den Einsatz der Brieftauben zuständig waren. Der Gefahr durch feindliche, deutsche Brieftauben war man sich unter den Alliierten offenbar auch bewusst, da die Briten Wanderfalken zur Taubenabwehr einsetzten. Allerdings mit mäßigem Erfolg, unter den getöteten Tauben fand sich keine einzige Brieftaube. Aktuell wird diese Idee allerdings wieder aufgegriffen, nur werden die Greifvögel nicht mehr gegen Brieftauben, sondern zur Drohnenabwehr eingesetzt.

Ende März 2020 wird es die Möglichkeit geben, sich den Taubenfallschirm im Rahmen einer Ausstellung zum Mensch-Tier-Verhältnis im LWL-Industriemuseum Zeche Hannover genauer anzuschauen.

 

 

Literatur:

Sauermann, Dietmar: Die Brieftaube im militärischen Nachrichtenwesen, in: Korzus, Bernhard (Hrsg.): Leben mit Brieftauben. Begleitband der gleichnamigen Ausstellung, Bielefeld 1984, S. 173 – 198.

https://www.spiegel.de/geschichte/zweiter-weltkrieg-brieftauben-als-geheimkuriere-der-briten-a-1259768.html

Kategorie: GEFUNDEN

Schlagworte: Taubenfallschirm · Nationalsozialismus · Archiv für Alltagskultur · Archiv · Spionage · Tauben