29.10.2019

Ein Foto: Die Reichsautobahn bei Wiedenbrück, 1939

Die 1938 fertig gestellte Autobahn bei Wiedenbrück, Foto: R. Lindemann, 1939, Archiv für Alltagskultur (LWL), Fotobestand Westf. Heimatbund.

(Foto Rudolf Lindemann, Fotobestand Westf. Heimatbund)

 

Christiane Cantauw

Zwei Fahrspuren – getrennt durch die älteren schwarzen Trennstriche – in jede Richtung, in der Mitte ein Grünstreifen, eine Abfahrt und eine Auffahrt, in einigem Abstand zur Trasse einige Fichtenbestände am rechten und linken Bildrand und in der Bildmitte ein PKW mit Anhänger, der sich – abgesehen von einem kaum zu erkennenden Fahrzeug im Hintergrund – auf einsamer Fahrt Richtung Fotograf bewegt – so präsentiert sich der 1938 freigegebene Autobahnabschnitt der Reichsautobahn bei Wiedenbrück. Leitplanken oder andere Formen von Sicherheitseinrichtungen sucht die Betrachterin hier vergeblich – all das wurde erst Jahrzehnte später, als das Auto zum Massenverkehrsmittel geworden war, entwickelt.

Der Auf- und Ausbau eines Autobahnnetzes war ein mythenbildendes Prestigeprojekt des NS-Staates, dessen planerische Grundlagen bereits in die Weimarer Zeit zurückreichen. Die durch Firmen- und Privatinitiative getragene HAFRABA (Verein zur Vorbereitung der Autostraße Hansestädte–Frankfurt–Basel, gegr. 1926) wurde 1933 gleichgeschaltet und in die Gesellschaft zur Vorbereitung der Reichsautobahn e.V. überführt. Am Streckennetz gebaut wurde im Grunde nur zwischen 1933 und 1942, als das Großprojekt „Reichautobahn“ kriegsbedingt zum Erliegen kam.

Anfangs trugen deutsche Arbeiter, später dann Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter unter menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen zum Fortschritt des Autobahnbaus bei. 1939 verfügte das Deutsche Reich über 3.237 Autobahnkilometer, blieb damit aber hinter den Erwartungen des Generalinspekteurs für das deutsche Straßenwesen, Dr. Fritz Todt, weit zurück. Die verhältnismäßig früh fertiggestellte West-Ost-Verbindung sollte für die Wirtschaftsbeziehungen zwischen dem Ruhrgebiet, Sachsen und Schlesien förderlich sein, eignete sich aber auch – so zumindest die Überlegungen Hitlers – für Truppenbewegungen gen Osten.

Der Bau von neuen Trassen, Tank- und Rastanlagen sowie Autobahnmeistereien war das eine. Das andere war zweifellos, die Reichsautobahn als verkehrstechnische Errungenschaft und prestigeträchtiges Vorzeigeprojekt des NS-Staates zu propagieren.

Hierzu bedurfte es u.a. entsprechender Fotografien, die den Verlauf der Trassen als kühnen Schwung inszenierten, der über die geringe Verkehrsdichte hinwegtäuschte und die Reichsautobahn als innovatives Meisterwerk in Szene setzte, das über die Gegenwart und über die Grenzen des Deutschen Reiches hinaus in eine heroische Zukunft zu führen in der Lage war.

Sprachlich auf den Punkt gebracht wird dies im Artikel von Walter Lammert in der vom Westfälischen Heimatbund herausgegebenen Zeitschrift „Heimat und Reich“ (Jg. 1939), der mit dem Foto von Lindemann bebildert ist. Dort heißt es abschließend: „Die ‚Straßen des Führers‘ sind nicht für Jahrzehnte, sondern für Jahrhunderte gedacht, ihre Aufgaben greifen über die Grenzen des Landes. Hier hat – vielleicht zum ersten Male in unserem technischen Jahrhundert – die Technik unter genialer Führung auf weite Sicht geplant.“         

Kategorie: GESAMMELT

Schlagworte: Autobahn · Wirtschaft · Wiedenbrück